Ikonen des Zeitgeists

Überlegungen zu „...bin im Netz“ von Rosmarie Lukasser
Text: Georg Russegger

Wenn eine Soziologie des Körpers auf Räume, Orte und Grenzen trifft, ist bei Lukassers Arbeit ein Netz an technomorphistischen Ansätzen im Spiel. Die Gesetze der Kühlheit (A. Liu) von Medienwirklichkeit zeichnen sich an ihren Körperformen ab. Weiße Ikonen einer Mensch-Maschinen-Anpassung zeigen Verkrümmungen in Bildpunkte zerfallenden tiefen Oberflächlichen (M. Faßler). Die Materialität ihrer Körper lassen den Einfluss digital-vernetzter Fernanwesenheiten via Schnittstellen an den damit verbundenen Haltungen der Individuen ablesen. Gearbeitet wird an einer skulpturalen „Anthropologie des Medialen“, wobei sich die Expressivität des Menschen als eine Geschichte der Individualität nicht mehr an den Rändern eines Außen und Innen verorten lässt. Die Medialität selbst wird zur anthropologischen Diskurshoheit ernannt. Medien sind und waren integrale Bestandteile institutioneller und normativer Strukturen von Kultur. Dabei bieten sie den Nährboden für kulturevolutionäre Prozesse (M. Tomasello). Anbahnungen körper(re)formierender Tendenzen lassen Spielraum für spekulative Konstitutionen einer zukünftigen Morphologie des menschlichen Körpers. Tag für Tag arbeiten wir hart an unseren Körpern, dem Diktum der Anwesenheit und den materiellen Verbindlichkeiten verfallen. Auf dem Weg zum Bioadapter (O.Wiener) können die Dystopieentwicklungen dem aktuellen Status von Isolation und Abhängigkeit nur zuspielen. Während zum Beispiel der Börsenhandel schon zu 99% von Maschinen gehandhabt wird, befinden sich Menschen nun am Ende einer selbst kreierten Eingabeleiter. Erstarrt in kurzlebigen doch äußerst reizenden Schleifen von Aufmerksamkeitsökonomien (G. Franck) ziehen wir uns ehrfürchtig in robuste Komfortzonen mit Fernsteuerung zurück. Wenn noch „außer-sich”, dann ist das Mensch-Ich in einem Zustand verhaftet, der sich in nervöser Aufruhr als ausgebrannter Charakter der sensomotorischen und haptischen Nacktheit am besten durch Ergotherapie behandeln lässt. Mit dünnhäutiger Sensibilität agiert das Individuum in beflügelter Kopflastigkeit, wird zum überdimensionalen Entscheidungsparadigma und unmündig Unterworfenen zugleich. Ein hybrides Subjekt (A. Reckwitz) der Moderne, das zum Produkt von sozio-kulturellen Technologien des Selbst (M.Foucault) heranwächst. Gerade deshalb steht es heute auf dem evolutionsgeschichtlichen Prüfstand der Plausibilität.

Gekoppelt mit dem Aufstieg von Netzwerkgesellschaften (E. Castells) implodiert die unmittelbare Umgebung zu einem panoptischen Kleinod von Ebenen in On- und Offline-Welten dessen Bedeutung durch Tentakel alternativweltlicher Handlungsebenen konstituiert wird. Lukasser stellt in ihrer Arbeit klar, wie eine Verjüngung des Alltags im post-digitalen Zeitalter, nach der (R)Evolution des computerbasierten Im-Netz-Werkens aussehen kann. Die Polykontextualisierung global-urbanisierter Lebensraum-Monokultur auf der einen Seite und die Komplexität menschlicher Lebenswelten auf der anderen werden in Lukassers Arbeit veranschaulicht. Versinnbildlicht: Filigran, fragile und blutleere Versteifungen in kubischen Konfigurationen abstrakter Schachtelungen. Lebensraum in Ballungszentren wird knapp und dadurch zum höchsten Gut im Städtischen. Reibungsverluste sind dabei nicht ausgeschlossen, wie dies zum Beispiel an rund 10.000 „Cage People“ in Hongkong zu beklagen ist.

Ist es eine Fundamentalkritik an dromologischen Sinnsystemen der Technokratie?

Müssen die Partisanen des Maschinensturms wie im Luddismus des 19. Jahrhunderts uns aus den Fängen des Netzes befreien, bevor wir zu verkümmerten Eingabezombies in abgedunkelten Kammern verkommen? Unweigerlich befinden wir uns in einer Transformationsspirale von globaler Technopolitisierung (B. Holmes), dessen Beschleunigungshunger an artifizieller Kultur in Komplexität und Quantität bis heute einzigartig ist. Übrig bleibt ein kaleidoskopisches Spektakel im Weltmeer der Augenblicklichkeit. Erstarrt, wie Lukassers Protagonistinnen, blicken wir auf die materiellen Wahlverwandtschaften unserer Kunstfertigkeit. Grenzenlos erscheinende Kreativität, mannigfaltige Inspiration und Mischkulturen von Kunst, Wissenschaft, Biologie und Gesellschaft bevölkern die Medienlandschaft des Simulacrums (J.Baudrillard).

Demgegenüber der einfache Mensch, ein sensibles Wesen mit einzigartigen

Fähigkeiten, zu lieben, zu begreifen, sich Tag für Tag wieder auf die sich ständig

verändernde Umwelt einzustellen. Mit Freuden und Lachen ausgedrückte

Verbindlichkeit, die sich in Mitgefühl und Empathie äußern kann. In Millisekunden

strukturierte Agilität, welche in vital-fehlerfreundlicher Anpassung und als eine

ergebnisoffene Chance den Entwicklungsprozess von Weltlichem fördert. Immer

wieder aufs Neue mit der Kreativität des Zufalls (K. Mainzer) experimentierend, um

doch noch alles zum Guten zu wenden. Das Soziale als Kernkompetenz menschlicher

Selbstorganisation ist ins Netz abgewandert. Lukassers Auseinandersetzung findet

genau nicht dort statt, und damit thematisiert sie es besonders eindringlich. Mit der

Reihe „...bin im Netz“ schafft sie eine Perspektive die zum Nachdenken anregen soll

und geht dabei sogar noch weiter, indem sie einen anthropologischen Marker in der

Zukunft zu adressieren versucht. Eine menschliche Studie, die sich nicht davor

scheut, die Angst vor paradigmatischen Veränderungen des Somatischen zu

informieren. Vielleicht schafft diese Arbeit ein kurzes „Bei-sich-Sein“.

© 2026 Rosmarie Lukasser